Gitarre & Bass / VSOP King

Ruokangas VSOP King

Jede Menge Handys, Bestnoten bei der Pisa-Studie – beim Elch- und Wodka-Test auch, jede Wette – inklusive der größten Computerdichte in Schulen im europäischen Vergleich. Reicht das? Mitnichten, Gitarren bauen sie natürlich auch noch, und gute dazu. Irgendwas machen die wohl richtig, diese Finnen. Finnenalarm!

Ruokangas Guitars haben an dieser Stelle bereits früher lobende Anerkennung gefunden (G&B 03/2002). Die Nordmannen sind seit einiger Zeit auch auf der Frankfurter Messe vertreten und erregen mit ihren sorgfältig gebauten Instrumenten immer große Aufmerksamkeit. Schauen wir uns ein aktuelles Exponat dieser in Kleinserien erstellten exquisiten Gitarren also einmal näher an. Neuerdings gibt es übrigens auf der Website www.ruokangas.com den sogenannten Virtual Workshop, wo interessierte Spieler sich ihr eigenes Instrument aus vielen optionalen Komponenten zusammenstellen können – eine gute Idee.

Konstruktion
Das Design der VSOP King folgt nicht nur bei grobkörniger Betrachtung jenem großen kalifornischen Entwurf, der den wohl meistvarierten Archetypus der elektrischen Gitarre darstellt: Fender Stratocaster. Auch mit etwas optimierter Sehschärfe zeigen sich trotz deutlicher Differenzen im Detail große Gemeinsamkeiten. Das Konstruktionsprinzip zollt in Holzauswahl, Anordnung der Elektrik und geschraubter Hals-Korpus-Verbindung dem großen alten Vorbild Tribut. Der Korpus aus zweiteilig gefügter Erle, die einem besonderen Thermo-Verfahren zur Verdichtung der Holzstruktur unterzogen wurde, zeigt allerdings eine deutlich schlankere Taille als die Elli aus Übersee – nix da, die zunehmende amerikanische Fettleibigkeit war in den 50er Jahren noch kaum verbreitet – das Becken der Finnin ist dagegen jedoch sogar etwas breiter ausgefallen und weist einen leichten Schrägstand auf, der die Diagonale vom oberen Horn zum unteren Korpusbereich betont. Das ist nun wirklich kein Defekt im medizinischen Sinne, sondern macht ergonomisch und für eine ausgeglichene Gewichtung am Gurt durchaus Sinn. Die Korpuskonturen fügen sich fließend unter den rechten Arm und sorgen für komfortable Anlage am Spieler.

Für den Hals mit parallel nach hinten versetzter und mit einem originellen Konturschnitt versehene Kopfplatte fand man besten Bergahorn, das sich hand- freundlich matt versiegelt präsentiert. Ein kleiner Stringtree sorgt für den nötigen Andruck der E- und B-Saite
auf den filigran bearbeiteten Sattel aus Elchknochen. Mechaniken mit Lock- Funktion von Schaller sorgen für Stimmstabilität. Äußerste Präzision zeigt die Einpassung des Halses in die entsprechende Korpusfräsung. Nicht eine Briefmarke wird zwischen Hals und Halsstock geduldet, das kann man Detailversessenheit nennen. Wie bei diesem Instrumententyp üblich, wird der Hals mit vier Schrauben auf einer Grundplatte fest in Position gehalten. Zur Korrektur des eingelegten Zweiweg-Stellstabes müssen allerdings diese vier Schrauben gelöst werden, da es keinen offenen Zugang gibt.

Das aus einem satten Stück schönsten Palisanders gearbeitete Griffbrett ist in „Slab-board“-Manier aufgebracht und trägt penibel bearbeitete, relativ hohe Bünde mittleren Jumboformats. Dots im Griffbrett und auf der Sichtkante geben Übersicht.

Als Brücke haben die Finnen das Wilkinson- VSV-Tremolo mit Einsteckarm und Bug-blechreitern montiert, das von sechs Schrauben gehalten wird und dazu eine traditionelle Aufhängung an vier Federn auf- weist, generell also in Richtung Vintage-Sound ausgelegt ist. Der kalte, analytische Blick spürt an dieser Stelle eine leichte Versetzung des Saitenverlaufs in Richtung un- tere Halskante auf. Die Brücke sitzt folglich nicht genau in der Mitte, sondern ist durch nicht ganz präzise gesetzte Bohrungen für die Halteschrauben um ein paar Zehntel-millimeter zur Seite gerutscht. Schon noch laufen die Saiten über die Polepieces der Tonabnehmer, aber die hohe E-Saite ist ein Gran näher an der Griffbrettkante als die tiefe. Das kommt bei Serieninstrumenten oft vor, muss aber hier beim Einzelstück wie dort auch bekrittelt werden. Alles weitere wird der Praxistest zeigen. Die Elektrik der VSOP King sitzt auf einem Schlagbrett aus vierfach geschichtetem Tortoise und um- fasst drei von Harry Häussel speziell ange- fertigte P-90-Pickups in Metallrahmen mit nach Humbucker-Art seitlich versetzten be- weglichen Polepieces, um der eingelegten Ebenholzplatte noch die intarsierten R’s aus Perlmutt mitgeben zu können – was dem bekannten Tonabnehmer-Wickler einiges Kopfzerbrechen bereitet hat. Wie wir sehen können und hören werden, sind die Proble- me jedoch gelöst und ausschauen tut’s recht fesch – hey, ist das nicht bayrisch? Der Harry kommt aber von der schwäbschen Alp, desch tust am Schwätze merke …

Zurück in die elektrische Wirklichkeit. Zunächst verhält sich die Schaltung der VSOP genau so, wie wir das kennen. Der wohlbekannte 5-Weg-Schalter verschafft den Tonabnehmern entweder wie üblich je- weils einzeln Geltung oder aber er kombiniert den Mittel-Pickup mit seinem jeweiligen Nachbarn – geheimnislose Praxisnähe hier also? Nicht ganz, denn der untere Ton-regler ist als Push/Pull-Poti ausgelegt und aktiviert bei Bedarf zusätzlich noch einige interessante Schaltvarianten. Bei gezogenem Poti-Knopf ist immer der Steg-Pickup im Spiel. Die stegseitigen Schaltpositionen bleiben damit wie sie waren und die Mittel- Position entspricht nun der Zwischenstellung von Mittel- und Steg-Pickup, was natürlich relativ uninteressant ist. Dagegen schaltet der Hals-Pickup nun automatisch den Steg-Tonabnehmer zu und die halsseitige Zwischenposition aktiviert alle drei Pickups – und das erweitert in der Tat die Klangpalette.

Stratologisch wird das Signal deckenseitig aus der aufgesetzten Ausgangsbuchse hinausgeführt. Straplocks komplettieren die Ausstattung. Lackiert ist das Instrument eindrucksvoll in einem enorm attraktiven dreifarbigen Tobacco Sunburst.

Praxis
Zunächst galt es bei der Ruokangas-Gitarre ein unerwartetes Problem zu überwinden. Beim ersten Check wartete die VSOP mit leichten Banjo-Aspekten in der Tonentfaltung auf, d. h. die Saiten klingelten doch recht deutlich, will meinen geräuschig an den Bünden entlang. Nun gut, dachte ich, wer eine ultraflache Saitenlage liebt und dafür kleine Opfer betreffs der Schwingungsfreiheit der Saiten in Kauf zu nehmen bereit ist, der mag damit leben können. Nachdem die Finnin nun jedoch noch etwa acht Tage auf ihren Test warten musste, quittierte sie mir diese temporäre Zurückweisung etwas beleidigt mit einem regel- rechten Katzenbuckel, der den Saiten jegliche Schwingmöglichkeit verwehrte. Diese krasse Tendenz zur Halsbewegung deutet darauf hin, dass der sicher anfangs best- möglich justierte Hals noch arbeitet, also seine Ruhe noch nicht ganz gefunden hat. Wie gut doch, dass es den Stahlstab zur Jus- tage gibt, auch wenn die VSOP dies mit keinem sichtbaren Zugang verrät. Erst nach Lösung der vier Schrauben auf der hinteren Grundplatte zeigt sich bei herausgenommenem Hals die Stellschraube im Halskopf und es bedarf doch einer großzügiger Korrektur des “double-way” trussrod, um die verlangt guten Spielbedingungen herzustellen.

Dann aber findet die linke Hand in dem modern breit, satt und seitlich gut verrundet modellierten Profil beste Heimat. Die kräftigen und eher hohen Bünde bieten dank sorgfältiger Politur optimale Bedingungen für elegant gleitendes Saitenziehen. Aber auch die Festigkeit im gegriffenen Akkord macht souveränen Eindruck. Die allgemeine Tongestalt ist von drahtig-silbriger Artikulation geprägt und lässt ein gut gestaffeltes akkordisches Klangbild mit präziser Saitentrennung und prägnanter Perkussion im Anschlagverhalten aufleuchten. Bei aller Af- finität zur Stratocaster, so will mir doch die Nähe zu anderen Edelvarianten aus dieser Familie, wie etwa die zu den Instrumenten eines Sadowsky oder Don Grosh noch mehr einleuchten. Zur elektrischen Potenz: Von Harry Häussel Tonabnehmern ist immer etwas kraftvoll Einleuchtendes zu erwarten und so geht auch hier wieder einmal die Sonne auf, sobald das Kabel in den Eingang des vor- geheizten Amps findet. Die VSOP King wartet mit einer vorzüglichen Präsenz auf, die in klaren Einstellungen kraftvolles Licht wirft, das den Raum gut ausleuchtet, aber dennoch harsche Schärfen vermeidet. Das gradlinige Klangbild ist konsequent auf ei- ne transparente und perkussiv umrissene Ebene geführt, die vielleicht stilistisch etwas einengt, jedoch durch Schlüssigkeit und Zuspitzung auf ihren Funktionsbereich überzeugt. Mit anderen Worten: Sie will nicht unbedingt alles können, sondern lieber das Eine möglichst perfekt rüberbringen. Sie verzichtet z. B. auf bemerkenswerte Tiefe in der Artikulation des Bassbereichs und der unteren Mitten, um dafür große Klarheit und viel Draht im Ton zu halten. Ergebnis ist ein brillantes Akkordverhalten mit glanzvoll rhythmischem Peak und eine schlagende Durchsetzungskraft in Verbindung mit anderen Instrumenten. Der Hals- Pickup bringt trotz einer gewissen Luftigkeit im Ton dennoch viel Vintage-Appeal ans Ohr. Er ruft förmlich nach jenen konzertanten Spielarten, wie sie etwa Hendrix mit sei- ner Mischung aus Melodie- und Akkordspiel popularisierte. Sein Kollege in der Mitte steht dem nicht viel nach, aber der Tonabnehmer am Steg reißt dann doch etwas an den Nägeln. Die Spitzen, die er raushaut, haben jedoch große Klasse und verlangen nach rhythmischer Präzision. Die einmal vorausgesetzt, versteht er es fabelhaft manchem Rhythmus-Arrangement das mit Chi- li gewürzte Sahnehäubchen aufzusetzen. Die Kombination der Tonabnehmer in den Zwischenstellungen bringt die gewohnt perlig-hohlen Klangalternativen in Bestform zu Gehör. Dazu lassen sich dann noch Erweiterungen des Klangspektrums über den Push/Pull-Schalter im unteren Klangregler erzielen. Ist der gezogen, so aktiviert er den Steg-Pickup, ermöglicht folglich die Kombination des Hals-Tonabnehmers mit jenem am Steg, oder er schaltet in der halsseitigen Zwischenposition alle drei Pickups zusammen. Besonders aber kann die Zuschaltung des Steg-Tonabnehmers zum Hals-Pickup gefallen, was sehr glasig hohle Sounds bringt und eine leuchtende wie einleuch- tende klangliche Erweiterung darstellt. Leider konnte ausgerechnet in dieser interessanten Schaltposition der Singlecoil-Brumm nicht ganz vermieden werden. Die Ergebnisse sind aber allemal interessante Mischformen, die eine Anpassung an fein gestaffelte Klänge, etwa bei Aufnahmen im Studio ermöglichen. Im Live-Einsatz wird es allerdings schwer sein, den Poti-Knopf mit verschwitzten Fingern hochzubringen.

Gehen wir auf Leistung! In Drive-Stellungen des Verstärkers bleibt das brillant-transparente Bild grundsätzlich dominant. Der Pickup am Hals geht mit dem Input des Spielers souverän um, zeichnet alle finger- technischen Facetten plastisch nach. Die drahtige Artikulation sorgt für konturierte Rhythmik, die dichten Höhen für eine Anlehnung an das klassische Ideal. Sehr gut funktionieren angerissene Sounds, die mit leichter Zerrung zum einen die Inszenierung sehr kompakter Rhythmen erlauben, andererseits auch im Lead-Spiel beste Figur machen. In der High-Gain-Schaltung kommt der Hals-Pickup aber auch sehr überzeugend daher, fordert den Spieler mit SRV- oder Hendrix-Kraft, verweigert sich aber keineswegs auch eleganter Tonschöpfung mit Tendenz zu süßen Höhen auf crispem Grund. Auch der gelegentlich in Sachen Melodiespiel etwas vernachlässigte Tonabnehmer in Mittelposition funktioniert in diesem Sinne erfreulich und stellt eine et- was heller tönende Variante zur Verfügung. Der P-90 am Steg gibt der ganzen Angelegenheit dann nochmals kräftigen Schub. Schalten wir ihn etwa nach dem Spiel über den Hals-Pickup, so startet das Gerät quasi durch, legt nochmals zu, verengt sozusagen den Strahl, der dann entsprechend gebündelt konzentriert nach vorn weggeht. Powerchords geben Kante und Leads erheben sich stattlich über jegliches Klanggeschehen. Mit der klaren kraftvollen Tongabe lassen sich übrigens auch Effektgeräte gut ansteuern und zu druckvollen Ergeb- nissen aktivieren. Die Nebengeräusche bei Einzelschaltungen der einspuligen Tonabnehmer sind baubedingt hinzunehmen, überschreiten aber keineswegs tolerable Grenzen. Die oben bekrittelte minimale Abweichung vom idealen Saitenverlauf fällt in der Spielpraxis gottlob nicht ins Gewicht. Oh ja, das Vibrato ist auch noch gut eingestellt und funktioniert recht ordentlich. Was in der Summe bleibt, ist die Erfahrung oder Feststellung, und das ist ja beileibe nichts neues, dass in unserem Europa inzwischen tolle Instrumente gebaut werden.

Resümee
Bei der VSOP King handelt es sich um ein vorzüglich gebautes Instrument mit konsequent gestaltetem tonalem Ambiente. Das- selbe greift wohl auf die leuchtenden Vor- bild-Sounds alter Schule zurück, aber nur um sie mit leichter Hand in die Moderne zu führen. Elektrisch kraftvoll kommen drahtig transparente Klänge zum Zuge, die mit guter schalttechnischer Staffelung ein breites Spektrum an crisp-klaren Sounds ermöglichen. Das tendenziell hell drahtige Klang-bild wartet aber dank der speziellen und kraftvollen Häussel-P-90-Tonabnehmer auch mit sehr stilvollen Lead-Sounds in verzerrten Amp-Schaltungen auf, die mit glockig-präsenter Artikulation die Band an- führen können. Ruokangas bietet dem Kunden im Übrigen grundsätzlich die Möglichkeit, sich aus der umfangreichen Options-palette sein persönliches Instrument zusammenzusetzen. Immer aber kann man, wie bei der vorliegenden VSOP King bestes und garantiertes Handwerk auf der Grund- lage hervorragender Komponenten erwarten. Gut gedacht, gut gemacht, bestens spielbar – Ruokangas Guitars empfiehlt sich erneut mit einem Exemplar charaktervoller Arbeit.

Übersicht
Fabrikat: Ruokangas Guitars 

Modell: VSOP King 

Herkunftsland: Finnland

Typ: Solidbody Electric 

Mensur: 648 mm

Hals: Bergahorn, einteilig, Palisandergriffbrett, 21 Bünde

Halsform: Fast-C-Neck-Profil

Halsbreite: Sattel 42 mm; XII. 52 mm 

Halsdicke: I. 20,6 mm; XII. 23,2 mm 

Korpus: Erle, zweiteilig

Oberflächen: Korpus 3-Tone-Sunburst (Tobacco), Hals matt lackiert

Tonabnehmer: 3× Single Sonic Pickups (Harry-Häussel-P-90-Typen)

Bedienfeld: 1× Volume, 1× Tone,
1× Tone Push/Pull, 5-Weg-Schalter

Steg: Wilkinson-VSV-Vibrato

Sattel: Elchknochen

Hardware: verchromt

Mechaniken: Schaller Locking Tuners Gewicht: ca. 3,7 kg

Linkshandmodell: Ja, auf Anfrage

Getestet mit: Fender Pro Reverb, Vox AC 30, Marshall JTM 45

Vertrieb: Ruokangas Guitars

Plus
• Verarbeitung
• Moderne Vintage-Sounds
• Pickups
• Hals
• Vibratosystem
• Optionen

Minus
• “Finnland ist weit weg” hr

Franz Holtmann

Gitarre&Bass No.8 August 2004

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