Gitarre & Bass / Mojo Grande

RUOKANGAS MOJO GRANDE

Juha Ruokangas ist ein netter Mensch. Wer mit ihm ins Plaudern kommt, kann bei entsprechendem eigenen Interesse nicht nur einen fundierten Gitarren-Talk halten, sondern auch eine Menge über skandinavische Mythologie, Eishockey und Fußball erfahren. Es gibt ja auch noch andere Dinge im Leben als Gitarren, oder?

Oder doch nicht? Damals z. B. stand Leo Fender in Kalifornien mit seiner ersten E-Gitarre, der später in Telecaster umbenannten Broadcaster, durchaus im Mittelpunkt. Er war “the talk of the town”, zumindest in Musikerkreisen, denn endlich war man in der Lage, so laut zu spielen, wie es die Verstärker erlaubten, ohne dass es Rückkopplungen gab. Und dieser klare, eindeutige Ton, den die Broadcaster von sich gab, impfte den Gitarristen, vor allen Dingen denen, die sich der Country- und Tanzmusik verschrieben hatten, neues Selbstbewusst- sein ein, sorgte für mehr Jobs und besser bezahlte Gigs. Von Hartz IV sprach damals noch keiner, vielleicht hat die Broadcaster sie davor bewahrt? Dabei sah diese Gitarre überhaupt nicht wie eine Gitarre aus, eher wie ein überdimensionales Frühstücksbrett mit einem langen, angeschraubten Hals. Nun gut, das eine will man, das andere muss man – denn aufgrund der massiven Konstruktion gab es natürlich keine Rückkopplungen, und das war das vorrangige Ziel der Übung, durch die Leo Fender seiner einmaligen Karriere den ersten Höhepunkt bescherte.

Heute gibt es zig Versionen des Erfolgsmodells von damals, und einige davon zeigen genau das Gegenteil von dem, was Fender unter allen Umständen zu vermeiden such- te – Hohlräume im Korpus. So ist denn auch die Ruokangas Mojo Grande, eine sogenannte Edel-Tele, sogar noch deutlich hohler als jene Fender Thinline Telecaster, die Ende der 1960er auf den Markt gekommen war, als Leo schon längst nicht mehr bei der Firma arbeitete, die seinen Namen gekauft hatte.

Konstruktion
In den Korpus aus zweigeteilter Spanischer Zeder, einer in Südamerika gewonnenen Mahagoni-Unterart, ist praktisch eine große Resonanzkammer gefräst, die von der prächtig gemaserten Decke aus Arktischer Birke verschlossen sind. Die bassseitig angebrachten eleganten F-Löcher geben ein wenig Einblick in den Korpus und zei- gen, dass der Korpus tatsächlich weitflächig ausgehöhlt ist. Lediglich ein breiterer Block in der Mitte ist stehen geblieben, auf dem die beiden Pickups und der Steg montiert wurden – dementsprechend federleicht ist die Gitarre, zumal die verwendeten Hölzer von sich aus schon zu den Leichtgewichten gehören. Die Decke ist nur ca. 6 mm stark, so dass wir mit gutem Gewissen die Mojo Grande als eine Semi-Akustik-Gitarre bezeichnen dürfen. Alle Hölzer, also auch das Ahorn für den Hals und das Palisander für das Griffbrett, sind in einem Spezialverfahren thermo-getrocknet, das ihnen ein Klangverhalten wie bei einer eingespielten Gitarren bescheren soll. Nur die Spanische Zeder durfte dieses Verfahren nicht über sich ergehen lassen, da es von seiner Struktur her zu zerbrechlich ist, aber auch, weil es die erstrebten Klangeigenschaften be- reits von Natur aus mitbringt. (Das erinnert mich an Obelix, der nie den stark machen- den Zaubertrank abbekommt, weil er als Kind in einen Topf mit demselben gefallen war und von sich aus alle Kräfte besitzt, die der Trank Normalsterblichen verleiht …) Zwei in Zusammenarbeit mit Ruokangas von Harry Häussel gebaute Tonabnehmer transportieren das natürliche Klangbild der Mojo Grande; am Hals sitzt der SingleSonic, ein P90-Typ mit zwei Alnico-2-Magneten in Balkenform und schwarzer Fiberglas-Sohle, die z. B. auch die alten Fender-Strat-Pickups hatten. Der Steg wird vom Mojo Blues be- setzt, der die Charakteristik eines Broad-caster-Pickups besitzt, dessen Magneten aus Alnico 3 sind und der stilecht eine Metallplatte als Basis bekommen hat.

Die verwendete Wilkinson-WT3-Brücke ist eine der vielen genialen Erfindungen, die Trev Wilkinson im Laufe der Jahre eingefallen sind. Auf der einen Seite beinhaltet sie die für einen puristischen Tele-Sound wichtigen drei Saitenreiter aus purem Messing, auf der anderen Seite lassen sich diese trotzdem in ihrer Intonation und Höhe individuell pro Saite einstellen. Wie das? Ganz einfach, man muss nur drauf kommen: Per Inbusschlüssel können die auf einer zentralen Welle sitzenden Saitenreiter in ihrer horizontalen Neigung rotiert werden, so dass die Intonation jeder Saite gut eingestellt werden kann. Hier braucht der Feinschmecker also keine Harmony Saddles oder ähnliche Lösungen zu installieren! Schaller Straplocks, deren Gegenstücke der Gitarre beiliegen (was ja bei anderen Firmen nicht immer der Fall ist), ein Saitenreiter auf der interessanten Ruokangas-Kopf- platte, die Tele-typische Kontrollplatte mit 3-Weg-Schalter und Master-Volumen- und Ton-Reglern und die leicht schwergängigen Mechaniken im Kluson-Stil vervollständigen die Hardware-Ausstattung, die vergoldet ist, was einen Aufpreis von € 100 bewirkt. Nicht vergoldet ist allerdings der Sattel, der ist dafür aus dem wahren Gold des Nordens geschnitzt: Aus Elch-Knochen!

Praxis
Was ist leichter, Fliegen- oder Federgewicht? Weltmeisterin Regina Halmich boxt im Fliegengewicht, aber wer ist Weltmeisterin im Federgewicht? Vielleicht die Mojo Grande, die allerdings weniger mit Boxhandschuhen, sondern eher auf Samtpfoten daherkommt. Selten so eine leichte Gitarre in den Armen gehalten! Trocken präsentiert sie einen knackigen, akustisch geprägten Ton – kein Wunder, ist sie doch fast völlig hohl. So ist denn auch das Sustain eher mittelmäßig, dafür aber der Anschlag wunderbar konturiert und satt. Am Verstärker kommt nicht ein überraschender Leberhaken oder etwa eine rechte Gerade, nein, diese Weltmeisterin will keinem weh tun. Geradezu wohlklingend erscheint sie – der Hals-Pickup verströmt eine Wärme, die schon fast zur Völle neigt, dunkel und rau- chig, Cool Jazz – bei entsprechender Einstellung der Verstärkungsaggregate. Es gibt ein deutliches Snap im Anschlag, das ein dynamisches, schnelles, aber auf jeden Fall ausdrucksstarkes Spiel einfordert. Dies hier klingt nicht nach traditioneller Tele, dies klingt nach Semiakustik- bis Vollakustik-Gitarre, die allerdings dezent gedopt wurde, um etwas spritziger zu werden! Oder war es das Höhentrainingslager in den Finnischen Alpen? Der Steg-Pickup dagegen entwickelt einen Sound, der die Verwandtschaft zur Tele nicht leugnen kann ein mächtiger Twang äußert sich zu dem Thema auf den unteren Saiten, wobei das unendlich Drahtige, das konventionelle Teles entwickeln können, der eher schöngeistigen Finnin fremd ist. Der Twang äußert sich eher im Anschlag, um dann gleich in einen wohl geformten, reich mit Obertönen ausgeschmückten Ton überzugehen, mit dem sich sicherlich auch gut rocken lässt, wenn es denn unbedingt sein muss – dann aber bitteschön gepflegt! Was im übrigen durch- aus auch das noble Erscheinungsbild der Mojo Grande wiederspiegelt. Dieser Steg-Pickup ist wirklich einer von der saftigen Sorte, ein richtiger Klopfer in der Art wie Reginas linke Klebe, der auch in einer Solid-body Gitarre mächtig Druck machen würde – natürlich im Stil eines richtig guten Tele-Steg-Pickups. Hier in der Semi-Tele klingt er satt und rund, und schmerzt und schneidet nie. Wer immer noch auf der Suche nach dem endgültigen Ersatz-Steg-Pickup für sein persönliches Tele-Projekt ist, sollte vielleicht mal eine Anfrage diesbezüglich an den Finnen stellen – ich bin überzeugt davon, dass dieser Mojo Blues echten Geheimtipp-Charakter besitzt. Die Stärken der Mojo Grande liegen sicherlich nicht in den verzerrten Sounds, denn dafür bietet sie zuwenig Fleisch, zuwenig Holz, um für einen ausgeprägten und druckvollen Mittenbereich zu sorgen. So kommen bestimmte verzerrte Sounds, die bei Solidbody-Teles und sogar bei konventionellen Semiakustik- Gitarren wie einer ES-335 satt und rund klingen, hier drucklos und teilweise sägend rüber, weil die Mojo Grande aufgrund ihrer Hohl-Konstruktion eine deutlich höher liegende Resonanzfrequenz besitzt. Diese macht sich jedoch dann umso mehr be- merkbar, je mehr man die Verzerrung heraus regelt. Mit cleanen oder leicht angezerrten Einstellungen wird dafür ein sehr glockiger, transparenter und crisper Sound erreicht, den man mit anderen Gitarren-Typen in der Charakterstärke nie hinbekommt. Insgesamt erinnert mich die Mojo Grande klanglich an Gitarren wie die Epiphone Casino oder die Gibson ES-330, allerdings mit ein bisschen mehr Spritzigkeit und vorwitzigem Tele-Charme, vor allen Dingen in den Bässen. Sehr angenehm fand ich – da mögen anderer vielleicht unterschiedlicher Meinung sein – das sich nur sehr moderat in den oberen Lagen verdickende Halsprofil und der 12″- Griffbrett-Radius, das ungetrübtes Saitenziehen ermöglicht.

Resümee
Wer das pragmatische Design der Mutter aller E-Gitarren liebt, wer eine federleichte Gitarre mit edler Erscheinung sucht, wer große Klangkultur mit einfacher elektrischer Schaltung und exquisitem Aussehen verknüpft sehen will, wer eine individuelle Semiakustik braucht, auf der nicht Gibson stehen muss, und wer bereit ist, dafür um ca. drei Riesen zurückgesetzt zu werden, der könnte wie geschaffen für die Mojo Grande sein. Die Gitarre repräsentiert gute und geschmackvolle Handwerkskunst, besitzt erstklassige Tonabnehmer, nur hochwertige weitere Komponenten und setzt auf alternative Hölzer, mit denen sie trotzdem in der Lage ist, klassische Hohlgitarren-Sounds zu erreichen. Die Stärken der Mojo Grande liegen nicht wie bei typischen semiakustischen Gitarren in ihrer Vielseitigkeit, dafür ist ihr Sound bei verzerrten Sounds zu gewöhnungsbedürftig, sondern in ihren charaktervollen, glockig singenden Clean-Sounds, die in der Tat eine Ohrenweide darstellen. Zudem ist sie sehr dynamisch zu spielen, so dass die Interaktion zwischen Spieler und Instrument jederzeit gegeben ist. Man hat das Gefühl, dass das, was man hinein gibt, direkt von der Gitarre verstanden und umgesetzt wird. Das Extreme liebt diese Gitarre allerdings nicht, und dafür ist sie auch nicht gebaut worden. Die Mojo Grande ist … die goldene Mitte!

Übersicht
Fabrikat: Ruokangas

Modell: Mojo Grande
Herkunftsland: Finnland

Typ: Semiakustische E-Gitarre
Mensur: 645 mm

Hals: Ahorn, verschraubt

Griffbrett: Palisander, 12″-Radius, 21 Medium-Jumbo-Bünde
(Dunlop 6150)

Halsform: D

Halsbreite: Sattel 41 mm;
XII. 51,5 mm

Halsdicke: I. 21,58 mm; V. 22 mm; XII. 23 mm

Korpus: Spanische Zeder, mit Decke aus Arktischer Birke

Oberflächen: sundance, klar lackiert, Hochglanz poliert

Tonabnehmer: Ruokangas Mojo Blues (Steg), Ruokangas SingleSonic (Hals)

Bedienfeld: 1× Dreiweg-PU-Schalter, 1× Master-Volume, 1× Master-Tone

Steg: Wilkinson WT3-Brücke

Mechaniken: Kluson-Style
Hardware: vergoldet

Saitenlage: E-1st 1,5 mm;
 E-6th 1,7 mm

Gewicht: 2,25 kg

Getestet mit: Fender Pro Reverb plus diversen Effekten 

Linkshand-Version erhältlich: Ja, auf Anfrage

Vertrieb: www.ruokangas.com

Plus
• Konstruktion

• Klangcharakter

• Steg-Pickup

• Spielbarheit

• Verarbeitung

Minus
• verzerrte Sounds

Heinz Rebellius
Gitarre & Bass No.3 März 2005

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